Donnerstag, 29.Juli 2010
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Ausnahmezustand 18.01.2007 Der Orkan Kyrill
Geschrieben von Matthias Andreas Anders   

Die Vorbereitung
Schon am Vormittag gab unsere Leitstelle die Information, dass ab 15 Uhr vermutlich der Ausnahmezustand ausgerufen werde. Um unsere Einsatzbereitschaft sicherzustellen, fanden sich ab 15 Uhr nach und nach die Kameraden auf unserer Wache ein. Wir bereiteten unsere Fahrzeuge vor, überprüften u.a. die Kettensägen und teilten die Mannschaften auf unseren drei Fahrzeugen ein. Wir besetzten das LHF 1, das LHF 2 und unser LF Z. Ich war Fahrzeugführer auf dem LHF 2.

Wir waren gut für das Unwetter gerüstet, es konnte ruhig kommen. Unsere schlagkräftige Gruppe wartete darauf, dem Gegner, dem Orkan Kyrill, ins Auge zu blicken. Der Wind wurde heftiger, aber wir mussten noch nicht raus.


Es geht los
Wir saßen zusammen in unserem Aufenthaltsraum. Plötzlich ertönte ein sehr lauter Donnerschlag, der unsere Wache zum Vibrieren brachte. Wir gingen nach oben um die Wetterlage zu begutachten. Der Wind war noch nichts besonderes, solche Winde hatten wir in Staaken schon ohne Schäden überstanden. Es folgten noch weitere Blitze und Donnerschläge, Um 18:37 Uhr war es soweit, der Ausnahmezustand wurde ausgerufen.

Um 19:38 Uhr wurde das LHF1 zur Technischen Hilfeleistung - Bauteile, alarmiert. Kurz darauf, um 19:39 Uhr wurde das LF Z zum Baum alarmiert. Wenige Sekunden später wurde unser LHF 2 zum Baum nach Kladow in die Kurpromenade alarmiert.

Eine etwas komplizierte Anfahrt
Wir machten uns auf den Weg nach Kladow, wir kamen aber nicht weit, die Leitstelle rief uns zurück, der Baum sei schon weg. Na gut, fahren wir halt zurück. Wir fuhren den Magistratsweg weiter, bogen in den Brunsbütteler Damm ein und wollten über den Finkenkruger Weg zurück zur Wache. Da rief uns die Leitstelle erneut: „Einsatz - Technische Hilfeleistung – Baum - Selbitzer Straße in Kladow.“.

OK, dann eben doch nicht zur Wache, sondern den Bogen über den Torweg erneut fahren und ab, Richtung Kladow. Wir kamen gute 500 m weit, da rief uns die Leitstelle wieder.
„LHF B 3110/2, Sie fahren nicht zum Baum nach Kladow in die Selbitzer Straße.“

„Also wieder nichts.“ dachten wir. Der Orkan scheint wohl zuviel Angst vor uns zu haben! Die Hackbuschstraße, in die wir hätten einbiegen müssen, um zur Wache zurückzufahren, hatten wir schon hinter uns gelassen. Also entweder wenden, oder noch einmal den Kreis Magistratsweg, Brunsbütteler Damm, Finkenkruger Weg, Torweg zurück zur Wache.

Als wir so mitten in Rückfahrplanungsgedanken waren sprach der Leitstellenmann weiter.
„Sie fahren zur Kurpromenade in Kladow!“

Also jetzt doch wieder Kurpromenade. Na mal sehen, wie weit wir kommen. Hoffentlich hat uns keiner gesehen, die denken sonst, wir kennen uns in Staaken nicht so richtig aus, weil wir immer nur so im Kreis fahren.

Wir fuhren weiter und erreichten doch tatsächlich die Heerstraße. Wir zuckten zwar ein paar Male zusammen, wenn die Leitstelle ein Fahrzeug rief, aber uns rief sie nicht mehr. Es ging weiter, Gatower Straße, Potsdamer Allee – Na??? Sollten wir es wirklich bis zur Kurpromenade schaffen? – Wir bogen in den Ritterfelddamm ein und erreichten tatsächlich die Kurpromenade.

Der Baum der das Dach demolierte
Ich stieg aus um die Lage zu erkunden Es war keiner zu sehen. Kein Mensch, kein Baum, der irgendwie bedrohlich aussah. Ich ging gerade zur angegebenen Hausnummer und da war auch schon der aufmerksame Kladower, der den Vorfall gemeldet hatte. Er zeigte mir den Baum. Er stand noch richtig gut aufrecht, allerdings war ein Ast abgebrochen und hatte das Dach des Nachbarhauses etwas in Mitleidenschaft gezogen. Nun befürchtete der Kladower, dass der zweite Ast auch bald abbräche.

Damit konnte er schon Recht haben. Die Wahrscheinlichkeit war relativ groß. Der Baum stand sehr dicht am Nachbarhaus. Wenn wir bei diesem Wind den Ast abgesägt hätten, hätte er garantiert das Haus getroffen und das Dach noch stärker beschädigt. Es hätte einer in den Baum gemusst, um ihn von oben abzutragen, aber bei dem Wind war das zu gefährlich. Also holten wir das THW nach. Die haben noch bessere Möglichkeiten, einen Baum abzutragen.

Jetzt hieß es – warten bis das THW ankommt. War irgendwie langweilig. Wir brauchten also eine Ablenkung.

Die schräge Tanne
Von unserem Blaulicht angelockt kam der Nachbar zu uns: „Entschuldigung, ich hab da einen Baum, der ist ganz schön schräg, können Sie mal gucken kommen?“

Das klang nach einer neuen Tätigkeit, also nichts wie hin. Der Baum war wirklich ganz schön schräg und er hätte jeden gefährdet, der auf dem Bürgersteig entlang lief. OK, dieser Baum musste gefällt werden. Ich rief meine Mannschaft und erläuterte die Lage und was ich vorhatte. Rainer fing sofort an: „Soll ich absperren?“ – „Ja!“ sagte ich und schon lief alles wie am Schnürchen.

Flatterband, Kettensäge, Werkzeug, alles war ruck zuck zur Stelle. Rudi, einer unserer erfahrensten Kameraden berechnete den optimalen Schnitt, damit der Baum beim Fallen keinen Schaden anrichtete. Schmidty, der Angriffstruppführer und handwerklich gut begabt, hörte zu und kombinierte Theorie und Praxis. Der Wassertrupp baute schon mal den Zaun ab, weil der Baum genau dort fallen sollte.

Während die Vorbereitungen liefen, kam das THW. Ich zeigte den Kameraden vom THW den Baum, aber auch sie sagten: „Das ist uns zu gefährlich. Auch unsere Möglichkeiten reichen nicht, zumindest nicht bei diesem Wetter.“

Dem Kladower, unter dessen Haus der Baum stand, erklärten wir die Situation: „Wenn wir den Baum fällen, dann richtet er Schaden an. Wenn wir nichts machen und Sie bei weniger Wind eine Firma bestellen, bleibt das Dach heil. Sollte der Baum demnächst doch durch den Wind abbrechen, ist der Schaden nicht höher, als wenn wir das jetzt machen. Aber der Baum wird zu 80% die nächsten Nächte überstehen.“

Das THW sperrte den Gefahrenbereich ab und war bereit für neue Taten.

Die perfekte Baumfällung
Ich ging zurück zur schrägen Tanne. Meine Leute hatten alles gut vorbereitet und waren bereit den Baum zu fällen. Wir sperrten die gesamte Straße und Schmidty setzte die Motorsäge an. Kurze Zeit später fiel der Baum, zwar nicht ganz so wie berechnet, ein kräftiger Windstoß dreht ihn etwas weg , aber er richtete keinen Schaden an. Den Zaun hätten wir gar nicht auf ganzer Länge abbauen müssen. Sorry Wassertrupp.

Die gastfreundlichen Kladower spendierten uns noch einen Kaffee und wir machten uns auf den Weg zur Wache.

Eigentlich glaubten wir nicht, dass wir die Wache erreichen würden. Die Leitstelle hatte noch viele offene Meldungen. Aber es war ja Ausnahmezustand und da kommt die Leistungsfähigkeit der Feuerwehr irgendwann an ihre Grenzen und es dauert etwas länger.

Aber all zu lange brauchten wir nicht zu warten, wir waren gerade an der Wache angekommen, da kam der nächste Auftrag.

LHF 3110/2 - Bauteile - Cautiusstraße in Hakenfelde

Wir haben auf der Wache noch einen Kameraden mit auf das Auto genommen und machten uns auf den Weg.

Wir fanden ein vierstöckiges Wohngebäude vor. Normalerweise liegt ja die Dachpappe auf einem Haus, aber hier hing ein großes Stück der Dachpappe an der Fassade, direkt über dem Eingang und wackelte bedrohlich.

Im Prinzip ist das keine große Sache: Rauf aufs Dach, alles, was locker ist, abschneiden und die Gefahr ist beseitigt. Insgesamt vielleicht 1 ½ Stunde Arbeit.

Ich fand die Dachluke und rief meinen Angriffs- und meinen Wassertrupp nach oben. Ein anderer Trupp sollte den Gehweg absperren und den gefährdeten Eingang sperren.
Meine Trupps kamen gut ausgerüstet mit Sicherungsleinen, Absturzsicherungen, Äxten und Lampen nach oben.

Die widerspenstige Dachluke
Wie so oft im Leben steckt der Teufel im Detail. Wir bekamen die Dachluke nicht auf.
Die Dachpappe hatte sich vom Dach gelöst und der Wind hatte sie nach vorne geklappt. Sie lag nun auf der Dachluke und blockierte sie. „Kein Problem,“ dachte ich „nehmen wir halt eine andere Dachluke vom Nebeneingang.“ Mein Wassertrupp (Rainer & Zawo) machte sich auf den Weg, um in den Nebeneingängen die Dachluken zu sichten. Schmidty fing an, an der Dachluke herumzuarbeiten, um sie eventuell doch auf zu bekommen.

Der Wassertrupp meldete sich: „Matte, im Nebenaufgang ist keine Dachluke, wir schauen mal im Eingang daneben.“

Kurze Zeit später: „Matte, hier ist auch keine Dachluke!“ – „Na gut, denken wir mal positiv und im vierten Aufgang ist noch eine Dachluke. Immer am ersten und letzten Aufgang ist eine.“

Zwischendurch meldete sich Schmidty zu Wort: „Matte, ich könnte es mal mit der Kettensäge versuchen, aber die Kette ist danach vermutlich hin.“

Also ließ ich die Kettensäge kommen.

Jetzt meldete sich der Wassertrupp wieder: „Matte, das mit dem positiven Denken klappt wohl nicht so, im letzten Aufgang ist auch keine Luke. Rainer schaut jetzt mal nach, wo wir eine Drehleiter hinstellen können.“

Schmidty ackerte weiter an dem vermutlich einzigen Zugang zum Dach. „Ich brauche eine Brechstange!“

Rainer meldete sich: „Matte, eine Drehleiter können wir auch nirgends hinstellen. Keine Zufahrt, kein Platz und der Boden ist zu weich.“

„OK, dann kommt wieder rauf und bringt Brechstangen und Handsägen mit.“

Mittlerweile versuchten wir schon seit 40 Minuten die Dachluke zu öffnen. Schmidty hatte schon einen kleinen Erfolg. Sie war schon 15 cm geöffnet. Rainer löste Schmidty ab und machte sich daran, sie weiter zu öffnen. (Dass Rainer es schaffte die Öffnung der Luke zwischenzeitlich von 15 cm auf 5 cm zu „erweitern“, sollte ich lieber weglassen, sonst kommt mein Artikel nicht online – er ist unser Homepage Administrator ).

Nach weiteren 20 Minuten war die Dachluke schon 20 cm auf. Jetzt ging es nicht mehr weiter. Wir brauchten neue Ideen. Den Spreizer konnten wir nicht einsetzen, dafür war zu wenig Platz. Aber die Hebekissen hätten jetzt Platz. Also ließ ich die Hebekissen nach oben bringen. Mit den Hebekissen hatten wir den finalen Erfolg. Die Dachluke war nach knapp 2 Stunden geöffnet.

Endlich auf dem Dach
„Jetzt aber ab aufs Dach, vorher das Sichern nicht vergessen.“ Oben sah es schlimm aus. Das halbe Dach war abgeflogen und hatte sich an den Schornsteinen verkeilt. Es waren ca. 30 Meter, die wir auftrennen mussten, um die Gefahr zu beseitigen. Für die Axt war das zu viel. Wir brauchten die Multicut, also eine Kettensäge, die auch Dachpappe sägt. Unsere normale Kettensäge ist dafür nicht geeignet. Die Multicut ist auf dem Rüstwagen vom Technischen Dienst. Ich bestellte die Multicut und ließ meine Leute schon mal mit dem aufwändigen Trennen der Dachpappe mit Äxten anfangen.

Nach 15 Minuten erschien ein zweites LHF auf unserer Einsatzstelle. Es waren Kameraden von Spandau Nord. Frank, der Fahrzeugführer kam zu mir und fragte: „Wie kann ich dir helfen?“ „Ich brauche die Multicut.“ Die hatte Frank natürlich nicht auf seinem Fahrzeug. Frank wurde nur alarmiert, weil mit dem Rüstwagen auch ein LHF ausrückt.

Aber er konnte uns trotzdem helfen. Die auf dem Dach arbeitenden Trupps wollten unbedingt mehr Licht haben als nur ihre Handlampen. Franks Leute halfen uns, das Licht aufzubauen. Dann meldete er sich einsatzbereit, weil für ihn und seine Leute nichts weiter zu tun war.

Frank ging und ein Einsatzleiter der Gruppe C kam. „Was habt ihr denn?“ Ich erklärte ihm die Lage und was wir vorhatten. Er schaute sich alles noch einmal an und kam zum gleichen Ergebnis wie ich. Wir gingen wieder runter und wollten sehen, wo der Rüstwagen mit der lang ersehnten Multicut blieb. Der Rüstwagen kam gerade um die Ecke, als wir von der Einsatzstelle ein lautes „Raaaaatsch“ hörten. Schmidty und Rainer hatten es geschafft, die Dachpappe fiel hinunter.

OK, die Multicut brauchten wir nun doch nicht mehr zumindestens für die überhängenden Teile. Trotzdem, Einsatzleiter C, Fahrzeugführer Rüstwagen, der Multicuttrupp und ich mussten wieder nach oben und die veränderte Lage erkunden. Die Gefahr war soweit beseitigt, dass bei jetzt nachlassendem Wind, keine weiteren Einzelteile mehr vom Dach fliegen konnten . Nur noch ein paar lockere Kleinteile waren vom Dach zu entfernen und die Geräte, die wir benutzt hatten, wieder ins Fahrzeug zu räumen.

Das Fernsehteam
Ein Kamerateam vom RBB kam des Weges und wollte einige Fernsehaufnahmen machen. Wir waren zwar auf dem Dach schon fertig, aber die Multicut konnten wir schon noch einsetzen, damit sich das Filmen noch lohnte. Wir zerschnitten die Dachpappe, die jetzt auf dem Zugang zum Hauseingang lag.

Wir räumten alles auf und verließen die Einsatzstelle. Fast 3 ½ Stunden hatte der Einsatz gedauert. Jetzt blieb nur noch, unseren inzwischen stärker gewordenen Hunger zu stillen. Wir fuhren zu unserem Lieblings Imbissbude und bestellten Türkische Pizza und Döner. Der Ausnahmezustand war inzwischen auch schon zu Ende.

Anschließend fuhren wir zurück zur Wache, brachten das Fahrzeug wieder in Ordnung und konnten endlich ins Bett gehen oder unsere eigenen Sturmschäden beseitigen. Bei mir zuhause war ein Teil des Daches weggeflogen.


 
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